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Nahrungsergänzungsmittel und "Functional Food": Angebliche Gesundmacher aus dem Kaufregal

Nahrungsergänzungsmittel gibt es in Apotheken, im Supermarkt an der Ecke oder auch im Online-Shop. Mal kommen die Mittelchen wie eine Arznei als Pille, Kapsel oder Pulver daher oder sie sind als Zusatz in speziell angereicherten Lebensmitteln wie Margarine oder Joghurt zu finden Für solche Produkte hat sich mittlerweile der Begriff "Functional Food" eingebürgert. Als funktionelle Lebensmittel bezeichnet man solche, die über die Ernährung hinaus noch einen Zusatznutzen besitzen. Ihr Verzehr soll zum Beispiel gleichzeitig gezielt bestimmten Krankheiten vorbeugen, das Immunsystem stärken oder die Verdauung verbessern. Diese gesundheitsfördernde Wirkung wird auf ihre besonderen Inhaltsstoffe zurückgeführt. In Deutschland sind funktionelle Lebensmittel vor allem durch "probiotische" Joghurts und Milchprodukte, ACE-Säfte oder Omega-3-Produkte publik geworden. Glaubt man den Versprechen der Anbieter, versorgen sie den Körper mit "lebenswichtigen" Stoffen, stärken Wohlbefinden und Leistungskraft oder können sogar das schnelle Altern verhindern und Krankheiten vorbeugen.

Für den Verbraucher ist der riesige Markt kaum noch zu überschauen. Manch markiger Werbeslogan macht uns allerdings glauben, dass wir diese Ergänzungsmittel bitter nötig haben, da übliche Nahrungsmittel uns längst nicht mehr ausreichend versorgen. Stimmt das eigentlich?

Lebensmittelqualität so gut wie nie


Nährstoffmangel in der Bevölkerung ist keine Folge nährstoffarmer Böden, sondern nur die einer mangelhaften Ernährung. Dabei war das Angebot an qualitativ guten Lebensmitteln noch nie so groß und ganzjährig verfügbar wie heute. Sich ausreichend und vollwertig zu ernähren wird nicht nur immer leichter, sondern ist auch durchaus preiswert zu haben. Für Nahrungsmittelexperten steht fest: Eine gesunde und vollwertige Ernährung macht Nahrungsergänzungsmittel überflüssig. Wer allerdings glaubt, einen ungesunden Lebenswandel, wie Dauerstress, falsche Ernährung, Rauchen oder Bewegungsmangel, durch eine Pillenration zu kompensieren, der irrt sich.

Keine Zulassungspflicht


Die Mixturenvielfalt bei Nahrungsergänzungsmitteln sehen Verbraucherschützer und Ernährungsexperten eher kritisch. In erster Linie enthalten diese Mittelchen Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente oder Eiweißstoffe - und das in Mengen, die von wirkungslos bis hoch dosiert reichen können. Einheitliche Rechtsvorschriften gibt es nur zur Kennzeichnung, Nahrungsergänzungsmittel unterliegen keiner Zulassungspflicht. Zur Herstellung ist lediglich eine Gewerbeerlaubnis erforderlich. Wissenschaftliche Nachweise für die vollmundig angepriesenen Wirkungen bleiben uns die Hersteller oft schuldig, oder sie beziehen sich lediglich auf Wirkstoffe, nicht aber auf das angebotene Produkt.

Viele Effekte einzelner Nährstoffe werden auch erst in Kombination, zum Beispiel mit sekundären Pflanzenstoffen, wie sie in frischem Gemüse und Obst vorkommen, wirksam. Isoliert und künstlich sind sie längst nicht so effizient.

Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneien


Produkte, die mit einer heilenden Wirkung beworben werden, gelten als Arzneimittel und müssen auch als solche zugelassen sein. Nahrungsergänzungsmittel gehören per Gesetz zu den Lebensmitteln. Eine krankheitsbezogene Werbung verbietet das hiesige Link öffnet in neuem FensterLebensmittelgesetz (§ 12 LFGB). Bisher darf nur dann mit einer gesundheitsfördernden Wirkung geworben werden, wenn diese vor der Markteinführung bewiesen und das Produkt bei der EU zugelassen wurde. Das gilt bisher beispielsweise für den Zusatz von Phytosterinen. Inzwischen liegt jedoch für die EU-Länder eine Liste von Aussagen vor, die unter bestimmten Voraussetzungen für Lebensmittel verwendet werden können, die sogenannten Health Claims. Diese Liste wird derzeit von den EU-Mitgliedstaaten geprüft. Mit einer Veröffentlichung wird im April/Mai 2012 gerechnet. Sechs Monate später dürfen dann nur noch die wissenschaftlich geprüften, zugelassenen Aussagen verwendet werden.

Kennzeichnung mangelhaft


Da Dosierungsempfehlungen oft nicht auf unterschiedliche Anwender abgestimmt sind, können gesundheitliche Schäden nicht ausgeschlossen werden. So gelten Prozentangaben bei Vitaminen in der Regel für Erwachsene, nicht aber für Kinder. Die neue EU-weite Verordnung geht noch nicht weit genug, denn dabei fehlen neben einer Positivliste für Wirkstoffe (außer Vitaminen und Mineralstoffen) vor allem Regelungen für Mindest- und Höchstmengen.

Wer braucht Nahrungsergänzungsmittel?


Eine bedarfsgerechte und vollwertige Ernährung ist mit den üblichen Lebensmitteln bei dem umfangreichen Angebot in Deutschland problemlos möglich. Falsche Ernährung kann jedoch durch Nahrungsergänzungen aus dem Pillenschrank nicht korrigiert werden. Eine Ausnahme bilden da lediglich Risikogruppen wie zum Beispiel Schwangere, Patienten mit Magen-Darm-Erkrankungen oder ältere Menschen, die sich auf Grund von Ess-Schwierigkeiten einseitig ernähren, sowie Hochbetagte. Hier kann eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein. Grundsätzlich sollten Sie jede zusätzliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit ihrem Arzt besprechen. Der kann am ehesten feststellen, ob ein höherer Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen wirklich nötig ist.

Viele Raucher greifen aus schlechtem Gewissen zur Extraportion an Vitaminen, um ihr gesundheitliches Risiko zu mindern. Bei Beta-Carotin-haltigen Präparaten ist hier Vorsicht geboten. In Verbindung mit dem Rauchen können sie eine negative Wirkung haben, das haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben. Die so genannte Caret-Studie, eine Untersuchung, die eigentlich klären sollte, ob Beta-Carotin Raucher schützen kann, bewies: Zuviel Beta-Carotin führt bei starken Rauchern zu einem Anstieg der Lungenkrebsrate und mehr Todesfällen bei bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Völlig unbedenklich ist es hingegen, Beta-Carotin über Gemüse und Obst aufzunehmen.

Auch die Anreicherung einzelner Präparate mit Vitamin E ist nicht unproblematisch. Die Einnahme führt bei älteren Menschen mit Atemwegsinfektionen zu einer verlängerten Krankheitsdauer und häufigerem Fieber, bei Rauchern zu erhöhtem Magen- und Blasenkrebsrisiko. Auch die Herzinfarkt- und Schlaganfallrate wird durch Vitamin E nicht verbessert, wie die "Hope-Studie" beweist. Diese Studie sollte den Nutzen von Vitamin E für Patienten mit einem hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen klären. Neueste Untersuchungen zeigen, dass hoch dosiertes Vitamin E schädlich ist und die Sterblichkeit steigt.

Insgesamt belegen derzeit immer mehr Studien, dass vor allem Extra-Vitamine nicht die erhofften Effekte haben, oft sogar das Gegenteil bewirken. Eine Link öffnet in neuem FensterUntersuchung der Universität Jena hat 2009 sogar festgestellt, dass die gesundheitsfördernde Wirkung von körperlicher Bewegung durch die Einnahme von sogenannten Antioxidantien in Form von Vitamin C und E unterdrückt wird. Die Wissenschaftler befürchten zudem, dass das Risiko zunimmt, an Diabtes zu erkranken.

Tipps zur vitalstoffreichen Ernährung


Sprießende Spargelfelder, Erdbeeren zum selbst Pflücken, saftiges Kernobst von heimischen Bäumen und knackiger Salat vom Acker nebenan - Obst und Gemüse haben immer Saison, denn das frische Angebot aus der Region ist mit rund 40 Gemüsearten und 30 verschiedenen Obstsorten einfach riesig. Neben wichtigen Vitaminen und Ballaststoffen sorgen vor allem die so genannten sekundären Pflanzenstoffe in Gemüse und Obst für deren gesundes Image. Diese Substanzen wirken gerade im Zusammenspiel mit anderen Inhaltsstoffen besonders gesundheitsfördernd und deshalb erfolgreicher als sekundäre Pflanzenstoffe in Pulver- oder Kapselform. Ein optimaler Speiseplan sieht deshalb täglich fünf Portionen Gemüse und Obst vor.
  • Wer statt zum Angebot aus aller Welt zu Sorten der Saison greift, bekommt eine Ware, die garantiert keine langen Transportwege, Dauertiefkühlung oder Treibhausluft hinter sich hat.
  • Unbestritten liefern Gemüse und Obst jede Menge Power und Gesundheit. Verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe in Kirsche, Kohlrabi & Co können vor Infektionen schützen, das Immunsystem stärken oder das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern.
  • Sekundäre Pflanzenstoffe kann man übrigens auch sehen, schmecken und riechen, denn auch Pflanzenfarbe, Duft- und Bitterstoffe gehören dazu. Also: Je bunter und aromatischer, desto besser!
  • Um möglichst viele wichtige Nährstoffe zu erhalten, sollte Gemüse, wenn es nicht roh gegessen wird, möglichst schonend zubereitet werden. Statt wasserlösliche Nährstoffe durch viel Kochwasser "wegzuschwemmen", sollte das empfindliche Nahrungsmittel lieber nur gedämpft oder gedünstet werden. Dies fördert nicht nur den Geschmack, sondern auch die Verdauung. Gleiches gilt übrigens auch für ungeschältes und nur gewaschenes Obst.
  • Wer sich im gut sortierten Supermarkt, auf Wochenmärkten oder im Bauernhofladen umschaut, kann auch fast vergessene Gemüsesorten wie Mangold, Wurzelpetersilie oder Steckrüben wieder entdecken und neue Rezepte ausprobieren.

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